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Telemedizin-Projekte in Bayern

Entwicklung und Implementierung eines Systems zur telemedizinischen Untersuchung von Patienten mit akut aufgetretenem Schwindel - Televertigo

Projektbeginn: 2012

Projektziel

Aufbau einer Struktur, die es ermöglicht innerhalb des TEMPiS-Netzwerks die telemedizinische Untersuchung auch von Patienten mit akut aufgetretenem Schwindel zu ermöglichen.

Projektbeschreibung

Schwindel ist das dritthäufigste Symptom in der Medizin. Die zugrundeliegenden Ursachen sind vielfältig und schließen harmlosere Erkrankungen wie vorübergehende Erkrankungen des Innenohrs (=„periphere“ Ursache des Schwindels) ein, aber auch schwerwiegende, potentiell lebensbedrohliche Erkrankungen wie Schlaganfälle im Bereich des Hirnstamms und des Kleinhirns (=„zentrale“ Ursache des Schwindels). Entscheidend ist, sorgsam die zugrunde liegende Ursache eines Schwindels mittels ausführlicher klinischer und technischer Untersuchungen zu identifizieren, um eine wirksame Therapie einleiten zu können. In der Akutsituation eines plötzlich aufgetretenen Schwindels jedoch muss ein sehr rasches Vorgehen gewählt werden.

Einen „gefährlichen“ von einem eher „ungefährlichen“ Schwindel zu unterscheiden bedarf einer klinischen Untersuchung von Experten in diesem Gebiet. Oft sind es nur subtile Augenbewegungsstörungen, die den entscheidenden Hinweis liefern. 35 % aller Schlaganfälle mit Schwindel werden in der Notaufnahme nicht als solche erkannt. Bei akut aufgetretenem Schwindel ist eine rasche Einordnung in „peripher“ oder „zentral“ dringend notwendig, da die einzige kausale Therapie beim Schlaganfall, die Thrombolyse, unverzüglich durchgeführt werden muss. Gleichfalls ist es aus medizinischen wie ökonomischen Gründen wichtig, einen Patienten mit einem peripheren Schwindel nicht unnötig auf eine Stroke Unit aufzunehmen. Drei klinische Tests können, besonders wenn sie von Experten durchgeführt und in Kombination bewertet werden mit großer Genauigkeit die Unterscheidung zwischen „peripher“ und „zentral“ treffen: Der Kopf-Impuls-Test, die Nystagmusprüfung (für spontane Augenbewegungen) und der Augenabdecktest (für Augenfehlstellungen/Skew Deviation). Diese drei Tests werden in der Literatur üblicherweise als „HINTS“ (Head-Impuls, Nystagmus, Test of Skew) bezeichnet. In einer Studie lag für HINTS die Sensitivität für den Schlaganfall bei 100 % und die Spezifität bei 96 %.

Für die Anwendung in einer Ambulanz wurde von der Arbeitsgruppe um Prof. Schneider ein System entwickelt, welches den Kopf-Impuls-Test mittels einer Videobrille mit integrierten Inertialsensoren und Infrarot-Kamera aufzeichnet und quantifiziert. Hierzu wird dem Patient eine Brille aufgesetzt, an die eine Kamera befestigt ist, die selektiv das Auge des Patienten aufnimmt. Die Augenbewegungen beim Kopf-Impuls-Test werden mit großer Genauigkeit erfasst, quantifiziert und graphisch dargestellt. Somit muss die schnelle Augenbewegung nicht mehr – wie in der klinischen Untersuchung – „gesehen“ werden, sondern sie wird apparativ gemessen und anhand von Kurven dargestellt. Diese Brille wird in der Schwindelambulanz des Deutschen Schwindelzentrums im Klinikum Großhadern bereits für die quantitative Analysen des Kopf-Impuls-Tests angewandt. Die Messung von Nystagmus und Augenfehlstellung ist damit jedoch noch nicht möglich. Hier bedarf es noch Entwicklungsarbeit.

Projektträger

Städtisches Klinikum München GmbH
Telemedizinisches Projekt zur integrierten Schlaganfallversorgung (TEMPiS)
Dr. G. Hubert
Facharzt für Neurologie und Nervenheilkunde
Obersarzt und Koordinator des TEMPiS Netzwerkes